Archiv des Tags ‘Tagebuch eines Gesichtsschnitzels’

Tagebuch eines Gesichtsschnitzels, Tag 10

Samstag, den 23. Juni 2007

Mein 10. Tag in der Klinik.

Der bayerische Stiernacken, der in meinem Zimmer wohnt hat, nach seiner 8-stündigen OP eine gute Show abgeliefert. Ist gleich mal aufgestanden, hat nach Wasser geschrieen, sich selbst welches geholt als sie ihm keines gegeben haben und im Halbkoma wilde Körperübungen gemacht. “Bei mir geht das schneller, SCHNELLER” hat er dann noch gebrüllt als eine Schwester ihm ihre 25ig-jährige Erfahrung unter die Nase gerieben hat. Beinahe wärs lustig gewesen.

Seit 10 Tagen habe ich mich nun nicht mehr rasiert. Das geht nicht wegen der diversen Nähte in meinem Gesicht. Zu meinem totalen Entsetzen bekomme ich ständig Komplimente wegen des Barts, auch von Menschen, die ich für vernünftig und geschmackvoll gehalten habe. Dabei ist so ein Bart eine rundum bekloppte Angelegenheit. Es juckt, alles bleibt drin hängen und sieht einfach Scheisse aus. Total sinnloser Nachhänger der Evolution. Bin froh, wenn ich mir die blöden Fussel endlich abschneiden darf.

Tagebuch eines Gesichtsschnitzels, Tag 9

Freitag, den 22. Juni 2007

7.20 Uhr. Ein bayerischer Stiernacken sitzt seit einer Stunde lauthals labernd mit seiner wenig cleveren Gattin auf dem bis vor Kurzem noch freien Bett in meinem Zimmer.

Bevor ich meinen Seelenfrieden mit meinem iPod rette werde ich noch Zeuge feinster bayerischer Kommunikationskultur.

Stiernacken: “Ja Himmiherrgott, jetzt hob I mei Buch vergössn”.

Seine hollde Gattin: “Was denn für a Buch?”

Er: “Ja dös von dem Fernseh-Homo”.

Sie: “Vom Kerkeling? Seit wann interessierst Du Dich denn für die Schwulen?”

Er: “Ja aber der is doch katholisch”.

One evil Post a day keeps the psychatrist away, denke ich mir innerlich grinsend und konzentriere mich wieder auf die Musik. Die Helden singen The Geek (we shall inherit).

Mein Humor kommt wieder. Schade, dass ich nicht laut lachen kann – die Folterknechte haben meinen Kiefer blöderweise mit Gummis fixiert.

Tagebuch eines Gesichtsschnitzels, Tag 8

Donnerstag, den 21. Juni 2007

Nicht zu fassen, es ist heute mein 8. Tag im Krankenhaus. Niemals hätte ich gedacht, dass ich es einmal solange in einer Klinik aushalten würde.

Der Tagesablauf ist so derb, hilft mir nicht beim Heilen. So gegen 6 weckt einen die Schwester, ich bekomme dann eine Antibiotika-Infusion. Kurz danach Frühstück, also ein lecker Beutelchen mit Magersüchtigennahrung per Magensonde.

Dann Tabletten einwerfen. Und Wasser trinken. Danach bin ich erst einmal platt. Und schon steht ein freundlich grinsender Mensch an meinem Bett der mich zu irgendeiner Untersuchung oder Behandlung zerrt. Oder jemand macht die Betten. Oder misst irgendwas. AHHHHHHH.

Tagebuch eines Gesichtsschnitzels, Tag 7

Mittwoch, den 20. Juni 2007

Himmel, es derprimiert mich heute so, hier zu liegen.

Meine Nase schmerzt munter weiter, meine Hand ebenfalls -glücklicherweise ist die nach der op so dick eingepackt worden, dass ich mich jetzt nicht mehr selber durch die Sonde ernähren kann: ich kann einfach die Spritze nicht halten.

Ich hab mir erklären lassen, der Schmerz in der Nase liege daran, dass die die Nase erst einmal mit Hammer und Meißel zertrümmern. Also mir hat die Erklärung nicht geholfen.

Es kann eigentlich jetzt nur noch besser werden. Ich glaube, dass ich durchs tiefste Tal gegangen bin. Heute die Brücke reinbauen lassen und den Check der Hand-dann bin ich froh wieder im Bett zu liegen und zu ruhen.

Jetzt hab’ ich Dank der Brücke, wieder so was ähnliches wie einen Biss. Schon mal nicht schlecht eigentlich. Und die per Sonde eingeführte Magersüchtigen-Nahrung hat mir auch gut getan…

Ich werde es schon noch bewerkstelligen können mich an das langsame Tempo der Heilung zu gewöhnen, hoffe ich. Es fällt mir jedoch sehr, sehr schwer.

Ein schöner Ausklang des Tages ist der Film mit Jürgen Vogl – Konzerte, Partys, Leute trinken was mit Leuten die sie nicht kennen und sind trotzdem freundlich miteinander. Das pralle Leben halt. Ich will auch wieder ein gutes Leben wenn ich hier raus bin.

Tagebuch eines Gesichtsschnitzels, Tag 6

Dienstag, den 19. Juni 2007

Puh, die Schmerzen sind deutlich zurückgegangen. Das ist gut so, denn ich begann mich schon zu fragen, wie lange ich Schmerzen auf diesem Niveau wohl aushalten kann.

Lang jedenfalls wäre es nicht mehr gegangen.

Jetzt geht es dann zu den Handchirurgen und den Zahnärzten, die mir die Brücke wieder einbauen, die es beim Unfall rausgehauen hat.

Viel Ruhe werde ich wohl heute wieder nicht bekommen.

Wenn Morgen die Brücke wieder drin ist und meine Hand-OP gut war, dann kann ich mich vielleicht etwas erholen. Und wieder klarere Gedanken fassen und diese aufschreiben.